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Auf dem Weg nach Tiblis
Tiblis
Georgische Heerstraße
Grenzübertritt nach Russland
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06.06. - 17.06.2010

georgisches KennzeichenAb jetzt sehen die Autokennzeichen so aus. Die Einreise nach Georgien war problemlos. Im Internet hatte ich vorher gelesen, dass man für sein Fahrzeug eine Kaution hinterlegen müsste. An der Grenze war keine Rede davon. Der junge Beamte präsentiert stolz seine Deutschkenntnisse und sagt, nach dem die Formalitäten erledigt sind: „Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt in unserem Land und besuchen Sie uns doch bald einmal wieder.“

Bullevard in BatumiHonda Shadowgeorgische junge Frau

Nach wenigen Kilometern erreiche ich Batumi, eine quirlige Hafenstadt, in die tausende Touristen in den Sommermonaten strömen. Lonely Planet nennt Batumi „The fun loving city“. Es ist Vorsaison und noch ist alles ruhig. Am sehr schön angelegten Boulevard fällt mein Blick auf eine ausgewachsene Honda Shadow, die in den selben Farben erstrahlt wie mein Baby-Chopper. Leider ist die große Shadow zwischen Autos eingeklemmt, so dass ich meine Kleine nicht daneben stellen kann.

Schon wenige Meter nach der Grenze fällt nach ein paar Wochen Türkeiaufenthalt sofort auf, dass ich nicht mehr in einem islamisch geprägten Land bin. Die Frauen hier verstecken ihre Reize nicht – im Gegenteil – sie wissen sich zu präsentieren. An der Grenze sagte mir ein schon etwas in die Jahre gekommener türkischer Mann mit einem verschmitzten Lächeln: „Für uns beginnt hier das Paradies – und wenn du später in die Ukraine fährst, dann bist du wirklich im Paradies angekommen.“ Während ich diese Zeilen schreibe bin ich bereits in der Ukraine und kann ihm nur zustimmen.

Luxushote _in BatumiMarktplatz in BatumiEine Gruppe Jugendlicher in Batumi

Die gut gelungene Illumination verwandelt Batumi nachts in ein Sommermärchen. Trotz der vielen Baustellen und aufgerissenen Straßen macht es Spaß die Szenerie auf sich wirken zu lassen. Zwei junge Leute sichern mich ab, so dass ich mich mit meiner Kamera mitten auf der Straße postieren kann, um die nächtliche Stadt aus den besten Blickwinkeln einzufangen. Wenig später taucht eine Gruppe Jugendlicher auf. „Ich bin Marina“, stellt sich eines der Mädchen vor, „Und wie heißt du?“ Wir kommen ins Gespräch und zum Abschied entsteht noch ein hübsches Foto.

Markt in BatumiGeschäft in BatumiMarkt in Batumi
Bevor ich Batumi verlasse mache ich noch Halt am Markt. Ein Händler spricht mich an und schnell stehen mehrere interessierte Leute um mich herum. Er organisiert eine „Bewachung“ für mein Gefährt und schleppt mich zum nahe gelegenen Laden, um mir eine Limonade zu spendieren. Anschließend überredet er noch die Marktfrau am Nachbarstand, sich für ein Foto in Pose zu werfen. Sie macht es, aber begeistert scheint sie nicht davon zu sein.

Abstecher nach KedaKomfort am ZeltplatzZeltplatz mit stilvollem Lokal

Ich mache mich auf den Weg in Richtung Keda und will über den kleinen Kaukasus nach Tiblis fahren. Die schöne Berglandschaft erinnert mich ein wenig an den Schwarzwald. Nach dreißig Kilometern sehe ich ein Hinweisschild auf ein Restaurant. Am Haus selbst ist keinerlei Reklame, nur das Bierfass vor dem Haus verrät, dass es hier etwas zu trinken und möglicherweise etwas zu essen gibt. Hinter dem Restaurant fließt der Adzarickali-Fluss vorbei und in der Wiese davor baut man gerade einige kleine Häuschen für Übernachtungsgäste. Spontan frage ich, ob ich hier Zelten könne. Ja, ich darf. Kaum habe ich mein Zelt aufgestellt, da bringt mir die Tochter des Hauses eine wunderbar bequeme Hängematte! Das ist Luxus pur.

Der Chef des Hauses spricht etwas Englisch. Wir sprechen über meine Reisepläne und er rät mir ab, diese Strecke weiter zu fahren. „Hier weiter bis Xasuri neun Stunden, zurück nach Batumi und dann über Samtredia vier Stunden. Poti unbedingt meiden.“ Obwohl es sechzig Kilometer weiter ist und ich wieder zurück nach Batumi fahren muss, lasse ich mich schnell von den Argumenten überzeugen. Die landschaftlich schönere Strecke führt mit Sicherheit durch den kleinen Kaukasus, aber der Termin für mein Russland-Visum rückt näher und ich will einige Tage in Tiblis verbringen. Warum ich nicht nach Poti soll konnte ich nicht herausfinden.


Auf dem Weg nach Tiblis

impossantes Kreuz auf dem Weg nach XasuriIn Georgien prägen christliche Symbole das Land. Die unmittelbare Nähe zu Armenien, der Wiege des Christentums hier im Osten, die sich bis in das heute erzkonservative islamistische Erzurum in der Türkei erstreckte, prägt auch das religiöse Leben Georgiens. Als orthodoxer Christ schlägt man ein Kreuzeichen wenn man an einer Kirche vorbeikommt – ganz egal, ob man gerade mitten in einem Gespräch ist oder vor wenigen Sekunden noch einen Fluch auf den Lippen hatte.

Fernwärmeleitunghäufiger Gast am StraßenrandRegen vor Zestaponi verhindert Weiterfahrt
Vorbei an nicht mehr ganz taufrischen Fernwärmeleitungen und „gefährlich“ aussehenden Kühen geht es Richtung Xasuri. Ganz werde ich die Strecke heute nicht mehr schaffen, denn es ist bereits später Nachmittag. Fünf Kilometer vor Zestaponi mache ich eine Kaffeepause an einem Imbiss. In Zestaponi gebe es ein Hotel versichert man mir.

Als ich meinen Kaffee halb ausgetrunken habe fängt es heftig an zu regnen. Ein Gewitter jagt das andere. Ich beschließe, mein Abendessen hier einzunehmen und hoffe, dass der Regen bald nachlässt.. Es ist bereits dunkel und es regnet immer noch wie aus Kübeln. Ein wohlbeleibter Mann, der irgendwie zum Inventar des Imbisses gehört, legt den Arm auf meine Schulter und sagt: „Mach dir keine Sorgen.“ Der Tisch im Hinterzimmer wird zur Seite geschoben. Ich packe meine Thermarest -Matte und meinen Schlafsack aus. Das ist also mein Hotel für diese Nacht. Am nächsten Morgen ist vom Regen nichts mehr zu sehen. Ich will der Gastgeberin ein paar Lari in die Hand drücken, aber sie winkt ab.

Picknick mit lungenkranken Kindern in Xasuriorthodoxe Kirche in XasuriBurg in Xasuri
Bei der Fahrt durch Xasauri sticht mir ein schmuckes Kirchlein ins Auge. Ich halte spontan an, um es mir näher anzusehen. Im Garten der Kirche sind etliche Kinder mit ihren Betreuerinnen. Svetlana spricht gut Englisch und erklärt mir, dass sie aus dem Osten Georgiens kämen und hier mit den lungenkranken Kindern auf Kur seien. Wir machen zusammen Picknick. Jeder steuert seine Vorräte bei und wir lassen es uns gut gehen. Danach sehe ich mir im Ort die alte Kirche an, die gleich neben der imposanten Burg liegt.

Der kleine Chopper findet immer viele Bewundererrätselhafte georgische Schriftgigantische Stalinstatue in Gori
Wenn ich irgendwo an einem Kiosk eine Pause mache, um meine Wasservorräte aufzufüllen oder um einen Kaffee zu trinken, dann bin ich ganz häufig von einer interessierten Menschenmenge umringt. Meistens outed sich einer von ihnen als Motorradspezialist, der den Umstehenden die Technik meiner Maschine erläutert. Zur Bestätigung seiner Fachkompetenz versichert er sich ab und zu bei mir durch eine Rückfrage ab, ob er mit seiner Einschätzung auch richtig liegt. In Deutschland wird mein kleines Motorrad normalerweise gar nicht wahrgenommen und hier stehe ich häufig im Mittelpunkt. Natürlich kann ich nicht einfach mein Wasser kaufen und dann weiterfahren – mindestens eine Viertelstunde Aufenthalt gebietet die Höflichkeit.

Die georgische Schrift ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Ich mache erst gar keinen Versuch die einzelnen Buchstaben zu unterscheiden. Zum Glück sind wesentliche Wegweiser zusätzlich immer auch in lateinischen Buchstaben geschrieben. Später erklärt mir ein Armenier, dass die georgische Schrift doch ganz einfach sei – die Buchstaben entsprächen weitgehend einer horizontalen Spiegelung des armenischen Alphabets. Für Armenier mag diese Erkenntnis hilfreich sein. Mir hilft es nicht weiter.

Wenn man an Gori vorbeikommt, dann ist zumindest ein kurzer Stopp in der Geburtsstadt von Stalin obligatorisch. Vor der Stadtverwaltung steht eine riesige Statue des Diktators und um das winzige Geburtshäuschen von Stalin hat man eine Art Tempel gebaut. Allen historischen Widrigkeiten zum Trotz ist man in Gori – und auch im restlichen Georgien- stolz auf den „großen“ Sohn der Stadt.


Tiblis

Frühstück in TiblisTiblis liegt im Tal des Flusses Mtkvari, der sich hier tief in die Landschaft eingegraben hat. Nach kurzer Suche finde ich ein kleines Hotel mit toller Aussicht auf die neu erbaute Kirche Tsminda Sameba (Heilige Dreifaltigkeit), dem Wahrzeichen und Orientierungspunkt von Tiblis.

Tiblis

Von der Frühstücksterrasse aus eröffnet sich ein beeindruckendes Stadtpanorama: rechts die Kirche Teminda Sameba, links auf der Anhöhe der Fernsehturm, der nachts mit einem Lichterspektakel animiert wird. Dazwischen erhebt sich über dem Fluss die Residenz des Präsidenten, dessen Glaskuppel mich irgendwie an die Kuppel des deutschen Reichstags erinnert.

Geländewagen in Tiblisrussischer Oldtimer in TiblisResidenz des georgischen Präsidenten
Auf dem Weg zur Kirche Tsminda Sameba wähle ich bewusst einige Seitengässchen aus und entdecke so manche Kuriosität: In der einen Gasse steht ein nobles Allradfahrzeug und ein paar hundert Meter weiter sehe ich einen hübschen russischen Oldtimer. Dann eröffnet sich ein Blick auf die Präsidentenresidenz, den ich mit dem Zoom einfange.

Die Kirche Tsminda Samebea in TiblisGottesdienst in Tsminda Samebea, TiblisGottesdienst in Tsminda_Samebea, Tiblis
Die Kirche thront majestätisch auf einer Anhöhe. Man kann sich diesem Platz nur voller Ehrfurcht näheren. Ich besuche einen Gottesdienst. Die christlich orthodoxe Religion ist viel sinnlicher als unsere lutherische Kirche. Heilige Gegenstände werden innig geküsst, ebenso das Kreuz in der Hand des Priesters und häufig auch dessen Hand. Die Menschen nehmen ihren Glauben sehr ernst und lauschen gespannt den Worten des Priesters. Die Atmosphäre berührt mich und ich setze nachdenklich meinen Weg zur Altstadtt fort.

Einladung zum MittagessenDie gute Seele des Hauses"Little Obama" in Tiblis
Ein Stückchen weiter mache ich gerade ein Foto, als ein Mann aus einem kleinen Haus tritt und mich anspricht. Er lädt mich zum Mittagessen ein. Seine Nichte ist gerade zu Besuch und zaubert ein einfaches aber sehr wohlschmeckendes Mahl. Die Oma ist begeistert von meiner Sonnenbrille und erstaunlich gut drauf mit ihren 79 Jahren. Ich genieße mehrere Stunden georgische Gastfreundschaft und mache mich gut gelaunt auf den Weg hinunter Richtung Altstadt. Unterwegs komme ich mit einem Trupp Bauarbeiter ins Gespräch und einer von ihnen stellt sich mir als „Little Obama“ vor. Eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht zu leugnen.

Rustaveli-Platz, TiblisInnenhof der Kashveti-Kirche, Tiblisgeschäftstuechtige Marktfrau
In der Weststadt ist der Rustaveli, mit der goldenen Reiterstatue im Zentrum, der dominierende Platz. Es ist sehr hektisch hier und ich flüchte mich in den Garten einer nahe gelegenen Kirche. Eine Unterführung entpuppt sich als regelrechte Markthalle. Ich frage die Marktfrau, ob ich sie fotografieren dürfte und sie wirft sich in Pose – nicht ohne Hintergedanken, denn anschließend gehe ich mit einem Kilo Tomaten und einem halben Liter Schnaps beladen weiter. Sie ist Geschäftsfrau durch und durch – und alles war so unaufdringlich und selbstverständlich.

Kirche oberhalb der Altstadt Altersarmut, Tiblisverzweifelte alleinerziehende Mutter, Tiblis

Ich erhasche durch die Füße einer Reiterstatue einen ungewöhnlichen Blick auf eine Kirche oberhalb der Altstadt und bin überwältigt von deren Schönheit. Doch dann fallen mir auch andere Fassetten der Stadt auf: Altersarmut und bettelnde Mütter mit kleinen Kindern auf dem Arm. Sie sitzen einfach da und warten auf die Mildtätigkeit einiger Mitmenschen. Wir können bei uns über Hartz IV froh sein, auch wenn es nicht immer gerecht sein mag. Solch bedrückende Schicksale bleiben uns dann doch erspart.



Georgische Heerstraße

Fahrt mit HindernissenGerne wäre ich noch länger in Tiblis geblieben. Ich mag diese Stadt! Aber das Zeitfenster für das Russland-Visum rückt näher, und ich will den Versuch unternehmen, den neu geöffneten Grenzübergang nach Russland bei Kazbeg zu passieren. Falls es nicht klappt muss ich 700 Kilometer zurück nach Trabzon in die Türkei fahren und mit der Fähre nach Sotchi übersetzen. Ich sollte also ziemlich am Anfang meines Zwei-Wochen Visums an der georgisch-russischen Grenze im Kaukasus anklopfen. Kühe auf der Fahrbahn erscheinen mir da eher als kleines Hindernis.

Zelten am Stausee bei AnanuriEinladung zum Abendessenfrischer Fisch auf dem Speiseplan
Am Zinvalis-Stausee schlage ich am Fuße der Kirche, die eher an eine Festungsanlage erinnert, mein Zelt auf. Zwei andere Biker aus Deutschland sind bereits da. Gut dass mein Zelt ein paar hundert Meter weiter weg steht, denn ich habe den Eindruck, dass meine Gesellschaft nicht gerade erwünscht ist.

Von den georgischen Anglern am See werde ich um so herzlicher empfangen. Es ist Wochenende und sie verbringen ein paar Tage hier in der Natur, angeln sich ihr Abendessen und teilen es wie selbstverständlich mit mir. Ich packe meine frisch erstandenen Papach aus, eine traditionelle Kopfbedeckung aus Schaffell, und wir haben eine Menge Spaß. Die beiden Deutschen gesellen sich zu uns, wechseln aber kein einziges Wort mit mir. Ich werde ich aus den eigenen Landsleuten nicht so richtig schlau.

traditioneller PapachKirchenruine mit riesiger ChristusstatueRastplatz, im Hintergrund die schneebedeckten Berge des Kaukasus

Auf dem Kopf eines hübschen Mädchens sieht ein Papach noch viel schöner aus. Viele Kilometer geht es auf einer sehr guten Straße lediglich durch sanfte Hügel. Noch fünfzig Kilometer bis Kazbeg und von den Fünftausendern des Kaukasus ist noch nichts zu sehen. Am Wegesrand steht zwischen ein paar Mauerresten einer ehemaligen Kirche eine recht gut erhaltenen große Christusstatue. Daneben ist ein kleiner Kiosk, in dessen Schatten vier Männer sitzen. Es ist sehr heiß heute und ich spreche sie an, denn ich will frisches kühles Wasser in meine Flasche füllen. „Du brauchst hier kein Wasser kaufen“, klärt mich ein smarter junger Mann im bestem Englisch auf. „Natural mineral water gleich um die Ecke hier.“ Er greift sich auch eine leere Flasche und führt mich um ein paar Ecken in Richtung Fluss. Dort ist eine kleine Quelle, aus der eisen- und kohlensäurehaltiges Wasser fließt – eine natürliche Heilquelle, deren Mineralwasser einen eigenartigen aber nicht unangehmen Geschmack hat. Sandro ist Betriebsleiter in einer Fabrik in Tiblis und verbringt sein Wochenende hier bei Freunden. Ich zeige ihm auf meinem kleinen Netbook einige Fotos von meiner Reise. Der Kioskbesitzer erkundigt sich, was denn so ein kleiner Computer koste, denn er würde ihn mir gerne abkaufen. Leider geht das nicht, denn ich benötige ihn selber für meine Fotos und um diese Homepage unterwegs zu pflegen. Er guckt etwas traurig, aber hat Verständnis dafür.

Es geht ins Gebirge! Serpentinen ohne Ende und kurz vor der Passhöhe taucht ein Kunstwerk auf – eine riesige kreisförmige Arena, deren Gemälde im Inneren an indische Kunst erinnern. Durch die Bögen hat man hier auf gut 2000 Höhenmetern einen sehr schönen Blick auf die schneebedeckten Gipfel des Südkaukasus.

Kloster Tsminda Sameba am Kazbeg (5033 m), das Wahrzeichen GeorgiensBlick von Tsminda Sambea auf den KazbegMönch, Reiter und Auto am Kazbeg
Es ist bereits Abend als ich in Kazbeg ankomme. Am Nachmittag war ich bei Kobi links in ein Seitental abgebogen. Nach etwa zwanzig Kilometern endet die Straße. Bei einer Wanderung hart an der georgisch-russischen Grenze erschließt sich mir eine grandiose Bergwelt. Man kann hier nicht versehentlich russisches Territorium betreten, auch wenn die Grenze nur ein bis zwei Kilometer nördlich verläuft, denn viertausend Meter hohe Gipfel bilden eine natürliche Barriere. Der Pass über die georgische Heerstraße ist weit und breit die einzige Möglichkeit, den Kaukasus in nördliche Richtung zu überqueren.

Als ich mein Motorrad abstelle parkt ein Taxi mit einem tschechischen Touristen neben mir. Der Taxifahrer gibt mir zu verstehen, dass sein Fahrgast ebenfalls hier eine Wanderung macht und er auf ihn warten wird. Mein Motorrad samt Gepäck haben also einen Bewacher gefunden. Der Tscheche erzählt, dass der Taxifahrer auch Übernachtungsgäste zu Hause aufnimmt. Wir tauschen Telefonnummern aus und er will abends im Zentrum auf mich warten.

Am nächsten Morgen mit Sonnenaufgang habe ich das erste Mal einen fantastischen Blick auf den 5033 Meter hohen Gipfel des Kazbeg. Vorgelagert, auf einer Anhöhe, ist die Klosterkirche Tsminda Sambea – beides zusammen eine Art Nationalheiligtum der Georgier. Am Kloster treffe ich eine Schulklasse aus Tiblis, die hier auf Exkursion ist. Eine der Lehrerinnen spricht fließend Deutsch. Ich erwähne, dass ich heute vor dieser wunderbaren Naturkulisse meinen Geburtstag feiere und staune nicht schlecht, als wenige Minuten später die ganze Klasse antritt, um mir auf Englisch und Georgisch „Happy Birthday“ zum Besten zu geben. Was für eine Überraschung! Die Schüler und Lehrer sind neugierig auf meine Reiseerlebnisse und wir verbringen etliche gemeinsame Stunden. Beruhigt nehme ich zur Kenntnis, dass es zwischen Lehren und Schülern im Ansatz die gleichen Schwierigkeiten und Spielchen gibt, wie ich es von Deutschland her kenne.


Grenzübertritt nach Russland

georgische Schüler an der georgisch-russichen GrenzeGespannt fahre ich die fünfzehn Kilometer von Kazbeg bis zum neu eröffneten Grenzübergang. Niemand konnte mir verbindliche Auskunft geben, ob ich dort als deutscher Tourist die Grenze passieren kann. Ich will mich selber davon überzeugen, was Sache ist. Die Schlucht mit sehr steil ansteigenden Felswänden ist super schön. Diese kaukasischen Berge begeistern mich!

Der georgische Grenzpolizist guckt mich höchst erstaunt an und gibt mir zu verstehen, dass ein Grenzübertritt für mich nicht möglich sei. Ich krame meinen Pass hervor und zeige ihm das russische Visum. Auf meinen flehenden Blick hin greift er zum Handy und ruft auf der zwanzig Meter entfernten russischen Seite an: „Njet“. Die Russen gestatten keine Einreise von Touristen über diesen Grenzübergang, sondern lassen nur armenische Staatsbürger passieren. Zerknirscht trete ich den Rückweg nach Trabzon in die Türkei an. Eine georgische Schulklasse hat gespannt beobachtet, ob ich die Grenze überqueren könne und posiert für ein nettes Foto mit mir – keine zweihundert Meter von der russischen Grenze entfernt.

georgische HeerstrasseKunstwerk, georgische HeerstrasseTiefebene auf dem Weg nach Batumi
Auf dem Rückweg sehe ich den Südkaukasus aus einer neuen Perspektive und es ist perfektes Fotowetter – wenigstens eine kleine Entschädigung für den verwehrten Grenzübertritt. Nach wenigen Stunden habe ich die Berge hinter mir gelassen und komme auf den sehr guten Straßen im Tal schnell voran. In den Höhenlagen hatte die georgische Heerstraße einige abenteuerliche und sehr schlechte Abschnitte.

Taxi trifft ChopperReparaturversuchalternatives Rücklicht

In Batumi, zwanzig Kilometer vor der türkischen Grenze, will ich meine verbliebenen Lari in Dollar tauschen. Gerade als ich links abbiegen will, rammt mich von hinten ein Taxi mit ordentlicher Geschwindigkeit. Das Motorrad und ich werden durch die Luft geschleudert. Der Fahrer und die Insassen springen aus dem Wagen. „Keine Polizei bitte! Sind Sie verletzt? Wir bringen Sie ins Krankenhaus.“ Noch auf dem Weg ins Krankenhaus taste ich meine Wirbel ab. Es scheint nichts gebrochen zu sein. Ich winke ab und wir fahren zur Wohnung des Fahrgastes. Wenig später wird das demolierte Motorrad in die Garage gebracht und mein Gepäck ist auch vollständig da. Sogar meine Brille ist heil geblieben. Ein paar Stunden später habe ich Schmerzen und eine heftige Schwellung über dem Steißbein. Wir fahren zum Notarzt, der mir eine Spritze verpasst und den riesigen Bluterguss behandelt.

Der Taxifahrer bietet mir an, bei ihm zu übernachten. Am nächsten Tag wird er nicht arbeiten gehen, sondern versuchen, mit mir zusammen das Motorrad wieder fahrtüchtig zu machen. Der Lenker ist verbogen, das hindere Schutzblech zertrümmert und der Rahmen ist verzogen. Mit Epoxidkleber, Maßband und brachialer Gewalt rücken wir dem Gefährt zu Leibe. Als neues Rücklicht dient eine Nebelschlussleuchte mit Rückfahrscheinwerfer.

Die Familie hat kein Geld. Man verköstigt mich mit den besten Leckereien der Küche und zum Abschied bekomme ich wertvolle georgische Keramik geschenkt. Hoffentlich bringe ich die heil mit nach Deutschland. Später in Russland fragt mich mal jemand ganz erstaunt: „Du glaubst an Gott?“ Ich antworte: „Ja, aber seit diesem Unfall noch viel mehr als vorher.“

Biker am Hafen von Trabzonungemütliche Schlafsessel auf der FähreCaptains-Breakfast

Ich muss mehrmals fragen, bis ich die Einfahrt zum Fährhafen von Trabzon finde. In wenigen Stunden legt die Fähre ab! Mit viel Hektik werden die Pass- und Zollformalitäten erledigt. Es kommen noch drei Biker aus Oberbayern an. Sie wollen weiter nach Kasachstan. Kurz bevor der Zollbeamte Feierabend macht, treffen noch zwei weitere Biker ein – ein Schweizer und ein Engländer, deren Ziel ebenfalls Kasachstan ist.

Bei einer Fähre würde man erwarten, dass Autos und LKW transportiert werden. Nicht so hier! Unsere Motorräder sind die einzigen Fahrzeuge. Stattdessen werden sieben Stunden lang Tomaten bis zum Abwinken in den Bauch der Fähre geschlichtet. Es bleibt gerade noch ein bisschen Platz für unsere Motorräder.

Die Nacht verbringe ich nicht in den ungemütlichen Schlafsesseln, sondern mit Thermarest und Schlafsack auf dem Oberdeck, direkt neben der Brücke. In der Morgendämmerung fängt es leicht an zu regnen. Ich schiebe meinen Schlafsack unter einen Vorsprung. Der Kapitän grüßt mich und bittet mich zu einem Kaffee auf die Brücke. Wir haben die die Schlechtwetterfront umfahren und ich will mich gerade wieder hinlegen, da kommt der erste Offizier mit Frühstück auf die Brücke. Der Kapitän lädt mich zum Captains-Breakfast ein!

 

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